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Die Fahrradtour entlang der Grenzflüsse Oder und Neiße

Die Fahrradtour entlang der Grenzflüsse Oder und Neiße

Gegen Ende April/ Anfang Mai 2017 hat der Berliner Reiseclub das erste Maifest organisiert. Das Event fand in Form einer Fahrradtour statt. Teilgenommen haben 9 Person, hauptsächlich Polen, aber auch Deutsche und Lybier. Hier ein Bericht von Maciek, dem Veranstalter der Tour.

Berlin – Frankfurt Oder

Es war ein kalter Morgen, als unsere Radgruppe in Berlin am Alexanderplatz eintraf. Noch der letzte Schluck Kaffee, Kauf der Berlin-Brandenburg Fahrradkarten am Automaten und schon sitzen wir im Zug nach Frankfurt an der Oder. Wir sind bester Laune!

In Frankfurt begann unser zweitägiger Ausflug – die Fahrradroute entlang der Grenzflüsse Oder und Neiße. An der Grenzbrücke in Słubice stieß noch die neunte Person zu uns – Martin, ein Bewohner aus Frankfurt, was für eine Überraschung .

Lebus

Das letzte Erinnerungsfoto, noch ein kurzer Überprüfun unserer Stahlrosse und wir machen uns voller Begeisterung auf den Weg. Nach ca. 15 km nähern wir uns einer Kleinstadt in Brandenburg – Lebus. Genau  von diesem Ort wurde der Name der Wojewodschaft Lubuskie abgeleitet. Im Mittelalter befand sich hier ein bedeutender Bischofsitz. Zur Aufwärmung trinken wir Kaffee, in einer einen verschlafenen Eindruck weckenden Imbissstube. Nebenan kocht sprudelnd die Erbsensuppe in der Feldküche, auf Verkostung derer wir jedoch nicht warten wollen.

Küstrin an der Oder

Wir fahren weiter. Vor unserem Auge breitet sich die Schönheit des Landes Brandenburg aus – das Überschwemmungsgebiet der Oder und über uns nur der liebe Gott, der keinen Pass zu haben braucht. In der Nähe von Kostrzyn teilt sich unsere Gruppe auf. Martin verlangt laut eine polnische Suppe, vorzugsweise die saure Mehlsuppe (der polnische Name der Suppe – żurek). Wir fahren also mit ihm und mit Henry auf die polnische Seite. Vor uns sehen wir verlassene preußische Kasernen. Langsam, gegen die Windrichtung fahrend, schleppend, passieren wir die Grenzbrücke an der Oder. Wir fahren zu den Ruinen der Küstriner Festung herunter, durch einen Ort, der früher die Altstadt von Küstrin an der Oder war. Heute ist nur noch ein Haufen voller Steine und Unkraut geblieben. “Das ist ein deutsches Hiroshima” sagt Henry traurig und hat mit Sicherheit Recht. Diese Stadt wurde während des letzten großen Krieges zu Staub gemacht.

Die ganze Dramatik wird vom Schein der vereinsamten Straßenschilder nur verstärkt, die in den Ruinen der Altstadt liegen gelassen wurden. Wir fahren weiter. In der Nähe des bunten Küstriner Basars essen wir eine nahrhafte Gulaschsuppe in einem überfüllten Wirtshaus, voller Qualm, Bilder von dem polnischen Papst und verdächtiger Typen aus der Grenzregion. Die saure Mehlsuppe gibt es leider nicht aber wir sind trotzdem satt und zufrieden.
Wir kehren auf unseren Fahrradweg auf der deutschen Seite zurück, die Oder erneut passierend. Bei der Gelegenheit sehen wir die in Vergessenheit geratene Statue von Stalin, die über den Zaun eines Anwesens hinter Küstrin hervorsteht. Er landete auf dem Müllhaufen der Geschichte – geschieht ihm recht!

Hohes Neuendorf

Nach ca. 30 km erreichen wir die Ortschaft Hohes Neuendorf. Hier treffen wir den Rest der Gruppe. Während der Pause verputzen wir gierig Kartoffeln mit der Saisondelikatesse: Spargel. Gott, schmeckt das köstlich! Henry und ich bestellen noch zusätzlich zu den Spargel panierte Schnitzel. Es schmeckt wie „bei Mama“ und es ist tatsächlich „bei Mama“, denn es ist die Gaststätte von Henry`s Mutter ☺. Nach so einer leckeren Mahlzeit fällt es uns schwer weiterzufahren. Der ausgezeichnete Espresso stärkt uns für den weiteren Weg.

Spargelzeit :)

Spargelzeit 🙂

Grenzübergang in Hohenwutzen

Vor uns liegen die letzten 40 km bei Regenwetter, in eiskaltem Regen und ins Gesicht pustendem Wind. Erschöpft und durchnässt überqueren wir wieder die Grenze, diesmal den Grenzübergang in Hohenwutzen. Wir erreichen Osinów Dolny. In der Ferne spukt die Ruine einer während des letzten großen Krieges von der Roten Armee geplünderten Papierfabrik. In Osinów schneidet man die Haare und spricht dabei nur auf Deutsch. Angeblich gibt es hier mehr Friseure als Einwohner. Auf den letzten Kilometern kommt ein bezaubernder Regenbogen zum Vorschein. Mit der letzten Kraft erreichen wir Cedynia. Hier übernachten wir in einem ehemalig mittelalterlichen Kloster. Heute ist es ein leicht kitschiges Hotelgebäude. Vor der Ankunft kauft Ola noch einen Johnny Walker – wer weiß, vielleicht brauchen wir ihn zur Aufwärmung? Im Kloster wärmen wir uns in der Sauna. Das stellt uns auf die Beine. Danach folgt das Abendbrotessen mit polnischem Bier Tyskie und man glaubt`s kaum – mit der sauren Mehlsuppe – Żurek! Im Raum erschallt deutsche Musik – eine Gruppe deutscher Touristen amüsiert sich dabei mit einem aus Deutschland mitgebrachtem Diskjockey. Von hier aus nach Berlin sind es ja nur ca. 65 km.
Einige von uns fallen erschöpft in die Betten – wir haben insgesamt – sage und schreibe – ca. 90 km hinter uns gebracht. Wir sind stolz auf uns und glücklich zugleich.
Ein paar andere gehen noch tanzen ☺. So vergeht der erste Tag unserer Expedition.

Zweiter Tag der Fahrradtour

Am zweiten Tag – es ist ein Sonntag – machen wir erstmal einen Schnappschuss auf den Fahrrädern. Und machen uns auf den weiteren Weg. Vor uns liegt die Strecke nach Mescherin, einer Ortschaft, die ungefähr auf der Höhe von Gryfino gelegen ist. Wir kehren auf die deutsche Seite zurück, weil von dort aus unser Fahrradweg weiterführt. Wir fahren an dem Hochwasserpolder der Oder entlang, die dort in mehreren Flussbetten gleichzeitig fließt. Wir fahren an vielen Wäldern, Überschwemmungsgebieten und an kleinen Buchten vorbei.
Ein Paradies für die Vögel und für uns – Menschen. Nach ca. 2 Stunden Fahrt machen wir ein Picknick. Dorota´s selbst gemachter köstlicher Zitronenschnaps kreist von Hand zu Hand. Uns geht´s immer besser.
Während der Fahrt müssen wir leider nach wie vor gegen den starken Wind kämpfen. Irgendwo auf der anderen Seite der Oder in Polen erstreckt sich das Tal der Liebe. Möglicherweise unser nächstes Kajak-Reiseziel?

Schwedt

Wir erreichen die Stadt Schwedt, bekannt für ihre Raffinerie. Die Stadt litt gewaltig unter Einwohnerverlust. Seit der deutschen Wiedervereinigung hat sie ca. die Hälfte ihrer damaligen Bevölkerung verloren. „Dafür ist sie jetzt perfekt und sympathisch“ höre ich Henry`s Erklärungen. Wir machen auch hier eine ca. einstündige Pause. Wir liegen faul auf dem städtischen Rasen herum und verputzen fettige Bratwürste. Danach sind noch Kaffee und Kuchen dran – so gesättigt kann man weiterfahren. Die Umgebung der Fahrradtour verändert plötzlich ihr Bild. Es gibt mehr Wälder, alles erscheint wilder zu sein.

Gartz

Wir fahren an einer entzückenden Ortschaft an der Oder vorbei – an der Stadt Gartz. Gerade eben begann eine Stadtfete – Tanz in den Mai. Wir hören Trommeln, lustige Schreie und Geräusche. Jeden Augenblick werden die traditionellen Lagerfeuer angezündet.
Noch ungefähr 5 km durch den Wald und hurraaaa! – wir haben unseres Reiseziel, die wunderschöne Oderstadt Mescherin, erreicht. Diese Stadt ist das Ziel der polnischen Kolonisatoren aus Stettin. Die Preise der Grundstücke und der Häuser sind hier etwas niedriger als in Polen, darum gibt es hier immer mehr polnische Bürger. Wir verbringen die Nacht in einem Hotel, das einst das Zollamt war. Das Hotelrestaurant führt heut eine polnische Familie. Bei Bierchen und ausgezeichnet schmeckendem Hecht, geangelt in der Oder, verbringen wir den netten Abend , mit Gesprächen und lautem Gesang (die erste Geige spielt Iwonka).

Der nächste Tag – das Fest des Ersten Mais. Zu Anfang traurig, weil wir uns von Piotr und Monika verabschieden müssen. Sie wollen noch weitere 30 km in Richtung Passewalk fahren. Auch Iwonchen und Hafed verlassen uns. Sie nehmen den früheren Zug nach Berlin. Wir bleiben noch zu viert in dieser idyllisch wunderschönen Gegend. Wir sitzen auf der Terrasse unseres Hotels, schlürfen unseren Kaffee Latte und atmen die frische Luft ein. Der Wind weht noch aus der Bucht. Was wäre, wenn man sich hier in der deutsch-polnischen Gegend niederlassen würde? Was, wenn man eine Kolonie oder Kommune gründen, Schafe züchten und im Einklang mit Natur und mit sich selbst für sich selbst leben würde? Am Himmel erschien wieder ein Regenbogen. Für uns ein Zeichen, dass wir auf der richtigen Spur sind.


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FOTOS: © Maciek Luszczynski-Lempka

Originally posted 2017-05-19 10:39:55.


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Maciek

Über Maciek

Maciej Lempka stammt ursprünglich aus Pommern. Er hat an der FU Berlin die Wirtschaftswissenschaften studiert. Er fährt gerne Rad, trinkt georgischen Wein und bereist Länder Mittel- und Osteuropas.
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